Videokonferenzen sind aus dem modernen Arbeitsalltag nicht mehr wegzudenken – sei es für interne Meetings, Bewerbungsgespräche, Kundenkontakte, Telemedizin oder juristische Anhörungen. Die Technologie verspricht Nähe über Distanz. Doch neue Forschungsergebnisse zeigen: Schon kleine technische Störungen, sogenannte Glitches, können tiefgreifende Auswirkungen auf Wahrnehmung, Urteile und Entscheidungen haben.
1. Glitches und ihre messbaren Effekte
Eine aktuelle, peer-reviewte Studie, veröffentlicht in Nature, hat untersucht, wie technische Unterbrechungen die Ergebnisse wichtiger Videogespräche beeinflussen. Die Forscher:innen führten mehrere Experimente und Analysen durch: Simulierte Bewerbungsgespräche, Telemedizin-Szenarien und reale Gerichtsdaten. Dabei zeigte sich:
-
Urteile in Bewerbungsgesprächen: Videocalls, in denen der Ton einfriert, das Bild stockt oder Ton und Bild asynchron sind, führten dazu, dass Bewerber:innen deutlich seltener empfehlenswert beurteilt wurden als in störungsfreien Videos. Die Teilnehmenden in den Experimenten zeigten eine geringere Bereitschaft, die Bewerbenden einzustellen. The Register+1
-
Vertrauen in Experten: In einem Gesundheitsszenario gaben 77 % der Probanden an, einer Ärzt:in in einem störungsfreien Videocall zu vertrauen. Bei technischen Problemen sank dieser Wert auf nur noch 61 % – trotz identischer Inhalte. The Register+1
-
Alltagsentscheidungen und soziale Urteile: Die Forschenden beschreiben, dass kleine Störungen nicht nur irritieren, sondern eine Art „Uncanniness“ auslösen – ein Gefühl, dass etwas nicht stimmt oder „nicht ganz menschlich“ wirkt. Diese subtile Wahrnehmungsstörung kann Entscheidungen verändern. Nature
2. Warum das passiert
Videocalls ahmen face-to-face-Kommunikation nach – sie nutzen audiovisuelle Signale, Blickkontakt und Mimik, um Nähe herzustellen. Wenn jedoch:
-
Gesichtsausdruck verzerrt erscheint,
-
Ton und Bild nicht synchron sind, oder
-
Informationsflüsse stocken,
dann zerstört das unbewusst die Illusion eines echten Gesprächs. Neurowissenschaftlich betrachtet führt das zu einer Form von „uncanny valley“-Effekt: Unsere Wahrnehmung alarmiert uns, wenn etwas „fast richtig, aber nicht ganz“ erscheint. Dieses subtile, aber überzeugende Gefühl wirkt sich auf Vertrauen und Bewertung aus. Nature
3. Ergänzende Forschung: Videointerviews schneiden schlechter ab
Bereits vor der Pandemie haben Arbeitspsycholog:innen festgestellt, dass Bewerberinnen und Bewerber in digitalen Gesprächsformaten im Durchschnitt schlechter bewertet werden als in Präsenzinterviews. In einer klassischen Studie der Universität Ulm schnitten Teilnehmende bei denselben Antworten schlechter ab, wenn das Gespräch über Videokonferenz geführt wurde – auch ohne technische Störungen, allein aufgrund der reduzierten sozialen Präsenz und des eingeschränkten nonverbalen Eindrucks. Universität Ulm
Die Gründe hierfür sind u. a. geringere Wahrnehmung von Blickkontakt, reduziertes „Impression Management“ und eine wahrgenommene Distanz, die für den Interviewer unbewusst in die Bewertung einfließt. Universität Ulm
4. Was bedeutet das für Unternehmen?
Für KMU und Personalverantwortliche hat das reale Bedeutung:
-
Bewerbungsverfahren über Video müssen technisch zuverlässig umgesetzt werden (hohe Bandbreite, stabile Verbindung, optimale Kameraposition).
-
Testläufe vor wichtigen Videocalls reduzieren das Risiko von Glitches.
-
Bei sensiblen Gesprächen kann es sinnvoll sein, alternative Formate in Betracht zu ziehen, z. B. Präsenzgespräche oder vorbereitende Telefonate.
-
Schulung für Mitarbeitende und Führungskräfte zur bewussten Wahrnehmung digitaler Kommunikation kann helfen, Verzerrungen und Fehlurteile zu minimieren.
5. Fazit
Videocalls sind wertvoll – aber nicht automatisch „neutral“. Technische Probleme wirken sich nicht nur ärgerlich aus, sondern können Vertrauen, Entscheidungsprozesse und Chancen real beeinflussen. Die gute Nachricht: Bewusstsein und einfache technische Maßnahmen können viele der beschriebenen Probleme deutlich reduzieren.