Immer mehr Unternehmen in Europa denken darüber nach, ihre IT-Infrastruktur wieder selbst in die Hand zu nehmen – weg von Microsoft, Google & Co., hin zu eigenen Servern, Open-Source-Software und mehr Kontrolle. Der Auslöser: stetig steigende Lizenzkosten, rechtliche Unsicherheiten durch den US Cloud Act und zunehmender Druck von Datenschützern und EU-Regulierern.
Ein typisches Szenario: Die Microsoft-Rechnung steigt erneut, während die Datenschutzbeauftragte kritische Fragen zum Speicherort der Kundendaten stellt. Viele Firmen merken erst jetzt, wie tief ihre Abhängigkeit von US-Konzernen reicht – technisch, wirtschaftlich und rechtlich.
Beispielhaft geht das Bundesland Schleswig-Holstein voran. Dort ersetzt man Microsoft-Software systematisch durch quelloffene Alternativen wie LibreOffice und Nextcloud. Der Auslöser für diesen Kurs ist ein seit Jahren ungelöstes Dilemma: Der amerikanische Cloud Act erlaubt US-Behörden den Zugriff auf Daten – auch auf Servern in Europa, sofern diese von US-Firmen betrieben werden. Das widerspricht der DSGVO, und selbst der neue EU-US-Datenschutzrahmen steht politisch und juristisch auf wackligen Beinen. Eine weitere Klage von Max Schrems’ Organisation „noyb“ steht bereits im Raum.
Ein weiteres Problem: Versprechen von Techkonzernen zur Datensouveränität sind oft dehnbar. Microsoft räumte etwa vor dem französischen Senat ein, keine Garantie gegen US-Zugriffe geben zu können – trotz gegenteiliger Aussagen im Marketing.
Mit der EU-Richtlinie NIS2 verschärft sich die Lage zusätzlich: Unternehmen in kritischen Branchen haften persönlich für Sicherheitsmängel – der Server im eigenen Haus kann also auch ein Vorteil sein, sofern man ihn im Griff hat.
Technische Mittel sind vorhanden
Ein zentrales Werkzeug zur Selbstbestimmung ist der Hypervisor, eine Software, die einen Server in mehrere virtuelle Maschinen aufteilt. Die österreichische Lösung Proxmox VE hat sich hier als ernstzunehmende Alternative zu VMware etabliert – quelloffen, kostenlos, einfach zu bedienen. Proxmox wird seit 20 Jahren unabhängig in Wien entwickelt und hat spätestens seit dem Lizenz-Fiasko bei VMware massiv an Aufmerksamkeit gewonnen.
Auch Container-Technologie spielt eine Rolle. Sie ermöglicht es, viele kleine Anwendungen effizient auf einem Server zu betreiben. Proxmox unterstützt beides – virtuelle Maschinen und Container – und hat mit der Community gepflegten Helper Scripts eine einfache Möglichkeit geschaffen, Software schnell und ohne tiefes Linux-Wissen zu installieren.
Offene Alternativen zu Big Tech
Auf der Anwendungsebene gibt es für fast jede Cloud-Lösung eine quelloffene Alternative:
Nextcloud: Die bekannteste Alternative zu Google Drive & Microsoft 365. Enthält Dateiablage, Kalender, Kontakte, Videokonferenzen und Online-Dokumente. Daten bleiben auf eigenen Servern.
Joplin: Ein Notiztool, das auf das zukunftssichere Markdown-Format setzt – ohne Herstellerbindung.
Vaultwarden: Eine effiziente Bitwarden-Alternative für die Passwortverwaltung, auch teamfähig.
Paperless-ngx: Für das papierlose Büro – verarbeitet und durchsuchbar archiviert eingescanntes Material.
Element / Matrix & Mattermost: Für sichere Teamkommunikation, als Alternativen zu Slack oder Teams.
Collabora Online / OnlyOffice: Online-Textverarbeitung und Tabellenbearbeitung im Browser, integriert in Nextcloud.
Rechnen sich eigene Server?
Die Antwort ist: Es kommt darauf an. Eine Beispielrechnung zeigt:
Mit Microsoft 365 kostet die IT-Infrastruktur für 20 Mitarbeitende über drei Jahre rund 9.000 Euro – alles inklusive.
Ein eigener Server, betrieben durch einen externen Dienstleister, kostet etwa 11.500 Euro über denselben Zeitraum – durch Wartung und Support.
Nur wenn das Unternehmen eigenes Know-how hat und die Betreuung intern erfolgt, lassen sich die Kosten auf ca. 3.000 Euro drücken.
Dabei gilt: Wer seine Arbeitszeit mitrechnet, spart oft nichts. Und wer keine technische Expertise im Haus hat, riskiert Frust, Ausfälle – oder beides.
Risiken und Verantwortung
Die Entscheidung für Selbsthosting bringt mehr Kontrolle, aber auch mehr Verantwortung:
Busfaktor 1: Oft hängt alles an einer Person. Verlässt sie das Unternehmen, geht das Wissen mit.
Sicherheit: Sicherheitslücken müssen sofort geschlossen werden – ohne die Sicherheitsabteilungen von Microsoft & Co. im Rücken.
Back-up: Ein Server im Keller ersetzt kein professionelles Backup-Konzept. RAID ist kein Backup.
Rechtliche Haftung: Wer selbst hostet, haftet für die gesamte Verarbeitung. Ein DSGVO-Verstoß fällt nicht auf einen Dritten zurück.
Für wen sich das lohnt
Geeignet ist das Modell für Unternehmen mit technikaffinem Personal, starkem Sicherheitsbewusstsein oder besonderen Anforderungen an Vertraulichkeit – etwa Kanzleien, Ingenieurbüros, Agenturen. Weniger geeignet ist es für Firmen, denen Wissen oder Motivation fehlen, einen Server professionell zu betreiben.
Ein Mittelweg sind europäische Anbieter wie Hetzner oder OVH Cloud, die virtuelle Server unter EU-Recht betreiben – mit deutlich mehr Kontrolle als bei US-Plattformen, aber ohne eigene Hardware.
Blick in die Zukunft
Digitale Unabhängigkeit wird auch durch den KI-Trend ein Thema. Microsofts Office-KI sendet Daten zwangsläufig in die Cloud. Wer das nicht will oder darf, braucht Alternativen – etwa Open-Source-Sprachmodelle wie Llama, die lokal betrieben werden können. Auch hier kann Proxmox helfen, denn die Software erlaubt es, Grafikkarten durchzureichen und KI-Modelle auf virtuellen Maschinen auszuführen – wenn auch mit teurer Hardware.
Mit dem EU Data Act und dem Digital Markets Act schafft Brüssel einen regulatorischen Rahmen: Ab 2027 sind Extrakosten für Datenumzüge unzulässig. Große Plattformen wie Microsoft und Google geraten stärker unter Druck, Wechsel zu erleichtern.
Fazit: Freiheit ja – aber mit Preis
Die technischen Werkzeuge für digitale Souveränität sind da. Doch sie lohnen sich nur für Unternehmen mit dem nötigen Know-how, Ressourcen und echtem Willen zur Unabhängigkeit. Für alle anderen ist die Cloud zwar teurer – aber einfacher, sicherer und berechenbarer.
Die eigene IT zurückzuholen ist kein Projekt für Idealisten allein – sondern für pragmatische Unternehmen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.