gelesen: Er ist wieder da, Timur Vermes

Von 14. Oktober 2012Dezember 5th, 2025Blog3 Min. Lesezeit

Für mich eins der bemerkenswertesten Bücher des Jahres. Adolf Hitler wacht im Jahr 2011 über dem Führerbunker in Berlin in seiner benzingetränkten Uniform wieder auf. Er ist kerngesund und von seiner Gesinnung zu 1945 unverändert. Mit diesem bizarren Szenario startet der Roman. Hitler versucht sich in unserer Zeit zurechtzufinden und wird von einem Kiosk-Besitzer aufgenommen, der ihm auch zivile Kleidung besorgt. Der entdeckt das unglaubliche schauspielerische Talent dieses „Hitler-Darstellers“ und vermittelt ihn an eine Fernsehproduktionsfirma. Diese lässt ihn in einer Comedy-Show auftreten, in welcher er aktuelle Themen, die er nebenbei aufgeschnappt hat mit seiner Weltanschauung in einer Rede verarbeitet. Das Publikum ist begeistert. Hitler wird zum Youtube-Star. Der Sender gibt ihm eine eigene Show. Seine Umgebung ist fasziniert davon, wie sehr er in seiner „Rolle“ lebt. Zu keiner Sekunde verlässt er den Plot.

Vermes schafft mehrere Kunststücke. Das Buch in ist in der Ich-Perspektive von Hitler geschrieben. Seine Gedankenwelt ist völlig konsistent und übt sofort wieder eine gewisse Faszination aus. Hitler entlarvt mit seinen Gedanken und Beobachtungen zu unserer Zeit, wie lächerlich viele Dinge sind, die wir als völlig normal betrachten, wie zB unsere Fernsehgewohnheiten. Vermes überspitzt das immer wieder so stark, dass man nicht anders kann als während des Lesens loszulachen. Es ist saukomisch und unglaublich bizarr. Man weiß oft nicht was man bizarrer finden soll: Hitlers Gedankenwelt oder unsere Lebenswirklichkeit aus seiner Sicht.

Vermes beschreibt, wie brüchig unsere liberale und demokratische Haltung ist, wenn sie wieder auf einen Verführer wie Hitler trifft, der seine Lehren aus den aktuellen Entwicklungen gezogen hat.

Wer das Buch noch lesen möchte, sollte hier aufhören, meine Beschreibung zu lesen.

Das Buch hat viele großartige Höhepunkte. Der Kampf der Bildzeitung gegen Hitler, in welcher die Bildzeitung den kürzeren zieht, Renate Künast in der hitlereigenen Talkshow, Hitler auf dem Oktoberfest, wie er B-Promis wie Verena Poth zerlegt und wie er nach und nach immer populärer wird und von einem Verlag gebeten wird, ein neues monumentales Buch zu schreiben. Mit Abstand die beste Szene ist allerdings, wie er wutentbrannt mit Kamera-Begleitung die Berliner NPD-Zentrale stürmt und sich mal so richtig die aus seiner Sicht verweichlichten NPD-Funktionäre vorknöpft. Ein Massenmörder trifft auf seine Söhne im Geiste. Für diesen Film bekommt er sogar den Grimme Preis. Nachdem er ausgerechnet von Neo-Nazis zusammengeschlagen wird, bieten ihm alle Parteien im Bundestag als aufrechtem Kämpfer gegen Rechts die Mitgliedschaft an. Die Telefonate mit Künast, Rösler und Gabriel sind der Hammer.

Das wirklich Bemerkenswerte ist, dass man sich vorstellen kann, dass sich eine zu große Zahl von Deutschen genauso benehmen könnten, wenn Hitler plötzlich wieder da wäre. Und allein dafür ist das Buch eine Empfehlung. Es bringt einen dazu, noch einmal selbstkritisch zu reflektieren, ob sich Geschichte nicht auch in seinen furchtbarsten Ausprägungen doch wiederholen könnte. Letztlich bin ich aber optimistisch, dass wir hinreichend robust dagegen sind.

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Bewertung: *****